Mittwoch, 2. April 2014

Wer ist ein Psycho?

"Mir wurde eine narzisstische, aggressive, gestörte Persönlichkeit diagnostiziert", erzählt mir der etwas zerzaust aussehende Mann, der hinterm Tresen steht. Ich bin ganz froh, dass dieser zwischen uns liegt. Was der Kerl erzählt ist zwar interessant, aber sein alkoholgeschwängerter Atem hält mich auf Abstand. Schon seit einer halben Stunde erzählt er mir seine Lebensgeschichte.

Der Psychologe stellte ihm folgende Frage: "Sie wollen aus der Bahn aussteigen, aber ein Mann blockiert ihnen den Weg. Was tun sie?" "Fierti, geh zur Seite", war die Antwort des zerzausten Österreichers. Und wenn er nicht zur Seite gegangen wäre, hätte er ihn geschubst. Aggressives Verhalten, das war die Diagnose des Experten. Dann wäre ich wohl auch aggressiv, dachte ich. Wäre ich dann auch gestört? Wer hätte dem Typen nicht gesagt, er soll zur Seite gehen? 

Der Herr, nennen wir ihn Fred, kam frisch aus dem österreichischen Knast. Eigentlich hatte er nur 28 Tage Freigang, aber er hatte keine Lust mehr zurück zu gehen und kam nach Hamburg. Nachdem ihn die Polizei damals das achte Mal von derselben Bank wegverhaftete, verfrachteten sie auch seinen Hund ins Tierheim. Als Fred ihn wieder holen wollte hieß es, er hätte eine Anzeige wegen Tierquälerei. Seinen Hund würde er nicht wiederbekommen. "Ich breche hier nachts ein, befreie alle Tiere und brenne den Laden nieder", Fred war sauer. Dafür kam er für zweieinhalb Jahre hinter Gitter. 

Verurteilt wurde er gemäß §21 des österreichischen StGB. Hierin heißt es, dass alle die zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig waren, wegen der Abartigkeit ihres Geistes oder der Seele in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher zu verweisen sind. Unzurechnungsfähig ist man auch, wenn man unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht. Hat man aber allein schon deswegen eine abartige Seele? Einen abartigen Geist? Was soll das überhaupt heißen, abartig? Was ist artig? 

Fred teilte sich seine Zelle mit drei anderen Männern, die wie er, in der Sonderabteilung des Gefängnisses einsaßen. Für die "normalen" Gefangenen bekam das Gefängnis um die 100 Euro pro Tag, für die Bürger in der Sonderabteilung um die 600 Euro, so erzählt es Fred. "Der eine hatte seine Mutter aufgeschlitzt, der andere onanierte den ganzen Tag und der andere erzählte ständig wie schön es sei kleine Kinder zu ficken", erzählt er. Er selber wurde mit Medikamenten vollgepumpt, war bei seiner Verhandlungen so benebelt, dass er völlig neben sich stand. Als Therapie durfte er im Knast Glücksschweine aussägen. Bis er keinen Bock mehr hatte und nicht mehr zurück ging. Hier will er neu starten, Geld sammeln für eine Revision. Gesucht wird er laut Gefängnis nicht, sagte er, auf seinen neuen Pass muss er trotzdem drei Monate warten.

Fred hat mir bestimmt nicht alles erzählt, ein paar Sachen weggelassen und verschönert. Dennoch stellt sich mir die Frage, wer bestimmen kann, dass man eine abartige Seele hat. Fred ist nicht Max Mustermann, er hat auch ein Alkoholproblem und dann auch eines mit seiner Aggression. Ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, wie es helfen soll ihn dann zusammen mit anderen Menschen zusammen zu stecken, die töten und vergewaltigen. Zu mir war er nett, nicht aggressiv, sondern unverständlich der Justiz gegenüber. Wie es in den Wald ruft, schallt es auch heraus. Drückt einem die Gesellschaft den Stempel "psychotisch" auf, oder ist man es, weil man sich nicht der Norm entsprechend verhält? Und muss man sich als gestört bezeichnen lassen, weil man nicht mit dem Strom schwimmt? Und sind nicht vielmehr die Leute verrückt, die sagen man sei anders, weil sie selber nicht selbstbestimmt handeln? Ich bin skeptisch.

Kommentare:

  1. Habe deinen Blog vor ein paar Tagen entdeckt und lese nun heute diesen Eintrag.
    Zur Zeit ist "Veronika beschließt zu sterben" meine Lektüre und dieses Buch beschäftigt sich, wie du vielleicht selber weißt, mit genau solchen Fragen, wie du sie am Ende stellst.
    Mir geht es genauso wie dir - wer ist denn in Wirklichkeit verrückt...

    Gefällt mir gut!

    Liebste Grüße,
    Elisabeth

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  2. Hey Elisabeth,
    das Buch kannte ich noch nicht, klingt aber interessant. Ich frage mich öfters, was denn "normal" sein soll. Wer entscheidet darüber und ist es nicht eher ein zeichen dafür, das Menschen Angst haben anders zu sein?

    Liebe Grüße

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  3. Das Buch kann ich dir empfehlen. Liest sich gut und vielleicht gewinnst du daraus neue Erkenntnisse oder Fragen.

    Liebe Grüße,
    Elisabeth

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