Donnerstag, 16. Mai 2013

Lauf nicht so schnell

Du läufst. Nein, ich laufe. Ich jogge entspannt an der Elbe, durch den Park - im Regen. Denke an dies und an das. Denke an gestern und an heute, träum von dem, was mich in ein paar Wochen erwarten mag. Und dann passiert es. Wuusch! Das reale Leben läuft vorbei. "Hey man", brüllt es mich an: "Was machst du denn da?" 

Ich zucke vor Schreck zusammen. "Äh, was? Ich...laufe hier", sage ich verwirrt. "Das nennst du laufen? Das ist höchstens ein verträumter Trab", es läuft ein Stück vor, dreht sich aber um, damit es mit mir reden kann. Ich bin immer noch verwirrt, warum brüllt mich das Leben an, die Realität? "Beeil dich. Komm schon", mit einer Armbewegung will es mich antreiben. "Warum? Wohin?" frag ich. "Hast du die Post nicht geöffnet? Du hast eine Mahnung! 350 euro!!" das Leben hat einen panischen Gesichtsausdruck. "Ach die, ja keine Stress. Hab schon schlimmeres bewältigt", deswegen regt es sich so auf. 

Die Realität packt mich am Arm. "Kein Stress!? Komm jetzt", sie läuft los und zieht mich hinterher. "He, he...lauf nicht so schnell. Das halte ich nicht lange durch", sage ich. "Dann musst du da jetzt durch", die Realität ist gnadenlos und läuft noch einen Schritt schneller. "Wo willst du denn hin?", keuche ich. "Zur Bank. Die Überweisung tätigen", sagt sie. "Aber da gibt es nichts, bei der Bank", sag ich. 

Das Leben lässt mich los und bleibt stehen. Mit großen Augen schaut es mich an: "Und jetzt?" Das schnelle Laufen hat mich erschöpft. Ich atme dreimal tief ein und aus: "Das sind immernoch Studiengebühren. Die kann ich Stunden, weil ich keine 30.000 Euro im Jahr verdiene. Entspann dich." Das Leben denkt nach. "Oh, das ist gut. Aber...," es packt mich wieder am Arm. "...dann lass uns wenigstens die hier zur Post bringen." In seiner rechten Hand hält er ein paar Papiere. "Was ist das?" frage ich. "Deine Hausarbeiten, die du noch abgeben musst", sagt es mit einem leicht vorwurfsvollem Unterton. "Du hast aber nur leere Blätter in der Hand. Das weißt du, oder? Die muss ich noch schreiben", entgegne ich. "Ja, und was hält dich davon ab, sie jetzt zu schreiben?", das Leben lässt nicht locker. "Hör mal, ich komme gegen sieben von der Arbeit, manchmal sogar noch später. Da hab ich nicht immer die Muße noch mehr zu schreiben", das Gespräch strengt mich an. 

Die Realität ist anstrengend. Ich schaue mich um. Links sind ein paar Bänke, von denen man auf die Elbe gucken kann. "In zwei Wochen hab ich unendlich viel Zeit. Da kümmere ich mich um meine Hausarbeiten. Aber jetzt, lass uns entspannt auf die Bank dort setzen und eine Rauchen", sag ich. "Aber, du musst noch dringend beim Amt anrufen",  sagt sie kleinlaut. "Jetzt? Um neun Uhr abends?" frage ich. Ich lege einen Arm um ihre Schultern und gehe mit ihr zu den Bänken. "Ich ruf da an, gleich morgen früh", wir setzen uns. 

Ich hole die Zigaretten raus und geb dem Leben eine. "Danke", sagt es. Wir rauchen. Ich höre Schritte die sich nähern und drehe mich um: "Oh, sie mal. Wir kriegen Besuch." Auch das Leben dreht sich um. "Ach ne. Was machst du denn hier?" Der Besuch und das reale Leben begrüßen sich wie alte Freunde. Kein Wunder, ist ja auch meine Verstand, der gerade dem Leben die Hand schüttelt. Die verstehen sich eben. "Das du dich auch immer von dieser Träumerin einlullen lässt", sagt der Verstand halb lachend zum Leben. "Das sagt gerade der Richtige", erwidert es. "Komm, ich hab ein paar Bier dabei", sagt der Verstand. Er greift in seine Tasche und gibt jedem von uns eines. Dann setzt er sich. "Wenn ich dich nicht so gerne mögen würde", sagt er zu mir: "und deine Träume nicht so schön wären, dann wäre ich schon lange durchgedreht mit dir." Ich muss schmunzeln: "Danke!" Dann wendet er sich dem Leben zu und sie unterhalten sich. Ich höre aber nicht zu. Ich nippe an meinem Bier und schau dem Schiff hinterher, auf dem ich gerade Kapitän geworden bin.

Kommentare:

  1. Oh, wenn der Verstand schon Bier trinkt, wird es langsam kritisch. Nette Geschichte.

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  2. Irgendwie muss er das Leben ja ertragen ;)

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  3. mein verstand brauch hin und wieder mal ein bißchen unklarheit, damit er weiß, wann er klar ist ;)

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